Nasengähnen

Nasengähnen: Mythos oder Realität? Umfrageteilnehmende beschreiben in eigenen Worten ihr «inneres Gähnen» und schildern die Gründe, wieso sie diese Gähnform wählen. Gähnen mit geschlossenem Mund muss kein Unterdrücken des Gähnimpulses sein – lesen Sie, was der Schlüssel zum wohltuenden Nasengähnen ist und wie Sie sich damit das Leben leichter machen können.

Newsletter vom 28. Oktober 2019
von Susanne Wagner · Ausgabe Nr. 9 · 10 / 2019

Nasengähnen

Freies Gähnen mit geschlossenem Mund – Ding der Unmöglichkeit? Wie beschreiben Teilnehmende der Umfrage zum persönlichen Erleben von Gähnen ihr Gähnen mit geschlossenem Mund? Wieviel Wohlgefühl trägt es in sich? Wann und wieso entscheiden sich die Teilnehmenden für ein Nasengähnen? Ist Nasengähnen lernbar?

 

Robert Provine (2014, S. 37/151), Gähnforscher in den USA, behauptet, die meisten Menschen seien zum Nasengähnen (nose yawn) nicht in der Lage. Der Grund liege darin, dass der Einatem durch den (weit geöffneten) Mund ein unverzichtbarer Bestandteil des Gähnens sei. Ebenfalls als schwierig beurteilt er aufgrund seiner Testpersonen das Gähnen mit offenen Augen oder mit zusammengebissenen Zähnen.

Einige Fragen in der Umfrage zum persönlichen Erleben von Gähnen waren dazu da, der Bekanntheit und dem Erleben von «Nasengähnen» auf den Grund zu gehen. Ist Nasengähnen wie Provine schreibt, unmöglich?

Nasengähnen???

65% der Umfrageteilnehmenden kennen «Nasengähnen» nicht aus eigener Erfahrung. Für die restlichen Umfrageteilnehmenden ist es offenbar möglich, Unmögliches zu erleben. Beim «Nasengähnen», so wie ich es aus eigener Erfahrung kenne, kann sich der Kiefer in einer Dehnung öffnen, obwohl die Lippen aufeinander bleiben. Die Augen schliessen sich oder bleiben offen. Der Einatem strömt durch die Nase ein und wieder aus. Weitere Qualitäten und Auswirkungen des Gähnens entfalten sich wie gewohnt – ich habe das Gähnen nicht unterdrückt – mich lediglich dafür entschieden, den Mund nicht zu öffnen.

Von den 776 Personen, deren Antworten zum persönlichen Erleben von Gähnen ausgewertet werden konnten, gaben 35% an, das Nasengähnen aus eigener Erfahrung zu kennen (n=273). Was verstehen sie darunter? 141 Teilnehmende beschrieben freiwillig und in ihren eigenen Worten ihre eigenen Erfahrungen, die sie in meiner Definition von Nasengähnen wiedererkannt hatten. Die Teilnehmenden nennen die Nasengähn-Erfahrung beispielsweise: «inneres Gähnen», «verstecktes Gähnen», «umgeleitetes Gähnen», «lautloses Gähnen», «möglichst leise/unauffällig gähnen», «anständige Alternative zum ‹richtigen› Gähnen» oder «vertuschtes Gähnen».

Der Schlüssel zum wohligen Gähnen

Der Grad der Kieferöffnung beeinflusst massgeblich die Wahrnehmung, wie wohltuend das «behagliche Begleitgefühl» zum Gähnen ist (Guggisberg 2012: S. 6).  Dies trifft auch auf das Gähnen mit geschlossenem Mund zu. Es braucht offenbar einige Übung, mit geschlossenen Lippen das Kiefergelenk und den Rachenraum weit genug dehnen zu lassen. Das Gähnen wird rasch als unterdrückt wahrgenommen. Das Bewusstsein für die Empfindung im Kiefergelenk und die Möglichkeit der Lösung ist demnach eine wichtige Voraussetzung für ein bequemes, wohltuendes Nasengähnen.

Etwa ein Drittel der Teilnehmenden, die das Nasengähnen kennen, geben an, die Kieferdehnung beim Gähnen mit geschlossenem Mund als ausreichend frei zu erleben. Im freien Textfeld zur Frage erläutern sie ihr Erleben: Sie erfahren differenzierte Qualitäten von Dehnung und Lösung der Nasenflügel, Nasenmuscheln, im Rachenraum und bei den Muskeln des Hals-/Nackenbereichs bei diesem inneren Gähnen. Diese Teilnehmenden finden es eine echte Alternative zum sichtbaren Gähnen mit geöffnetem Mund und ziehen es dem Hand-vor-dem-Mund-Gähnen vor. Zwei Drittel der Umfrageteilnehmenden finden es anstrengend, nicht befreiend und wohltuend oder bemerken, dass anschliessend sich ein «echtes» Gähnen den geöffneten Mund doch freikämpft. Diese Teilnehmenden erleben das Nasengähnen eher als eine Form des unterdrückten Gähnens.

Nasengähnen – innere Freiheit erleben?

Diagramm Erleben von Nasengähnen

Beim Nasengähnen bleiben also die Lippen aufeinander. Lediglich für 8% der Teilnehmenden entsteht dabei das Erleben eines freien Gähnens (obschon bei der Frage nach der Kieferdehnung ein Drittel der Teilnehmenden angibt, diese ausreichend «frei» zu erleben!). Die Mehrheit, 63% der Teilnehmenden, beschreiben das Gähnen mit geschlossenen Lippen als «unterdrücktes Gähnen» oder als steckengebliebenes Gähnen (17%). Für 5% der Teilnehmenden gleicht das Erleben am ehesten einem Seufzen.

Ich vermute, dass beim Nasengähnen (wie beim freien, offenen Gähnen) auch, diverse Grade der Kieferdehnung individuell möglich sind und eintreten. So kann ein Nasengähnen auch mehr oder weniger offen sein im Kiefer. Aus dem Fokus auf den geschlossenen Mund oder die Dehnbarkeit des Kiefers ergibt sich vielleicht eine unterschiedliche Erwartungshaltung (Mund geschlossen = unterdrückt vs. Kiefer gedehnt = frei).

Wieso Nasengähnen?

Das Nasengähnen folgt offenbar auf den Entscheid, ein Gähnen weder frei ersichtlich zuzulassen, noch es zu unterdrücken im Sinne von Kiefer zusammenpressen. Wann entscheiden sich die Teilnehmenden dafür, ein Nasengähnen «anzuwenden»? 177 Teilnehmende benutzten das optionale Textfeld um zu erläutern, in welchen Situation und aus welchen Gründen sie ihr Verhalten anpassen. Das Gähnen ist zwar ein hochansteckendes, zwischenmenschliches Resonanzphänomen, das sie für sich selbst als wohltuend und befreiend erleben, jedoch ergibt sich aus dem zwischenmenschlichen Resonanzraum auch die Hemmung, dem Impuls nachzugeben. Es gibt offenbar Situationen, in denen die Teilnehmenden ein offenes, freies Gähnen für unangebracht halten. Über die Art dieser Situationen herrscht bei den Umfrageteilnehmenden ein Konsens: Im öffentlichen Raum, mit unbekannten Personen, gegenüber dem Chef, in der Kirche, bei Dozententätigkeit, als Tagesschausprecher … die Teilnehmenden sind sich einig: freies, offenes Gähnen ist hier unangebracht!

Gähnen ist Kommunikation

Das eigene Gähnverhalten ist von vielen Teilnehmenden zwar nichts, was hinterfragt
werden müsste – sie orientieren sich an der Konvention, wie sie mit Gähnimpulsen im Beisein von anderen Menschen umgehen. So dient die Unterdrückung des Gähnens dem Vermeiden von unerwünschten Signalen: Desinteresse, fehlende Aufmerksamkeit, Müdigkeit und Langeweile. Auch wer das Gähnen selbst als wohltuend erlebt, orientiert sich an der Konvention und passt sein Verhalten höflich an. Wenn sich Menschen vertraut sind, darf offenes und freies Gähnen eher geschehen. Das gemeinsame Gähnen stellt dann ein Erleben von vertieften Begegnungs- und Beziehungsqualitäten bereit: Vertrautheit, Mitgefühl, lockerer Atmosphäre, Sympathie und gar Humor.

Tipp

Wie erleben Sie das, wenn Sie beim Gähnen den Mund geschlossen halten? Kann das Gähnen sich trotzdem frei entfalten? Haben Sie Empfindungsbewusstsein für Ihr Kiefergelenk?

Wie Sie nun gelesen haben, hängt beim Nasengähnen (wie auch beim freien Gähnen) die Erlebnisqualität von der Kieferöffnung ab. Der gelöste, entspannte Kiefer, umgeben von wohlgespannten Muskeln dehnt sich ohne Anstrengung. Dies hilft Ihnen dabei, das Nasengähnen als echte Alternative zum freien, offenen Gähnen zu gebrauchen. Zum Lösen des Kiefers gibt es (neben dem «einfachen» Geschehenlassen von Gähnen!) weitere Möglichkeiten: Lesen Sie mehr z.B. im Newsletter «Gähnen und Entspannung» oder unter Kiefergelenk lockern.

Das Nasengähnen ist immer ein Entscheid. Entscheiden Sie sich dafür, das Gähnen in Ihrem Innenraum zu erleben. Innere Freiheit und Raum kann sich zeigen. Sie werden vielfältige Entdeckungen machen können. Gähnen kann zutiefst bewegen und so werden Sie Ihrem persönlichen Gähnverhalten immer mehr auf den Grund gehen können. Möchten Sie Ihre Erfahrungen mit der Gähn-Community teilen oder haben Sie Fragen? Verfassen Sie einen Kommentar (Formular am Ende der Seite) oder schreiben Sie an Susanne Wagner.

Vorschau

Der nächste Newsletter zum Gähnen erscheint am 28. November 2019 zum Thema «Lehren und Lernen mit Gähnen». Nicht vergessen: «Wenn Sie Ihr Gehirn in einem optimalen Gesundheitszustand halten wollen, ist es unbedingt erforderlich, dass Sie gähnen.» (Newberg, 2010, S. 214)

Der «Newsletter zum Gähnen» erscheint jeweils am 28. des Monats mit Themen rund ums Gähnen. Die Themen für 2019 waren inspiriert von Andrew Newbergs Liste «12 wichtige Gründe zu gähnen» in «Der Fingerabdruck Gottes».

 

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