GÄHNEN

Gähnen und Sinnlichkeit

Quel­len aus Lite­ra­tur und Kunst bele­gen: Gähnen ist ein eroti­sches Kommu­ni­ka­ti­ons­mit­tel. Das Erle­ben von Gähnen entfal­tet sich uns in der zur Verfü­gung stehen­den Sinn­lich­keit. Kann Gähnen unsere Sinne akti­vie­ren und uns mehr Lebens­qua­li­tät und Genuss schen­ken? Die Resul­tate aus der Umfrage zum Gähnen zeigen: Gähnen pola­ri­siert. Das Erle­ben ist lust­voll, stärkt Wohl­be­fin­den und Selbst­re­gu­la­tion. Im Beisein von ande­ren Perso­nen ist das freie, offene Gähnen jedoch eine Grat­wan­de­rung. Dazu haben sich ein Gross­teil der Umfra­ge­teil­neh­men­den frei­wil­lig geäus­sert.

News­let­ter vom 28. Septem­ber 2019
von Susanne Wagner · Ausgabe Nr. 8 · 7 /​ 2019

Gähnen und Sinnlichkeit

Sinn­lich­keit und die versteckte Erotik im Gähnen – dazu hat ein nieder­län­di­scher Forscher Quel­len aus Lite­ra­tur und Kunst gesam­melt. Kommt das Tabu in der Gesell­schaft bezüg­lich Gähnen von daher? Welche Rolle spie­len unsere Sinne beim Erle­ben von Gähnen und wie beein­flusst das sinn­li­che Erle­ben unsere «Sinn­erfül­lung» im Leben? Wie kann ich meine sieben Sinne im Gähnen erfah­ren und ihre einzig­ar­ti­gen Stär­ken entwi­ckeln?

Gähnen und Sinnlichkeit: Wolter Seuntjens - On Yawning or The Hidden Sexuality of the Human Yawn.
Quelle: www​.bail​lement​.com

Gähnen und Sinn­lich­keit: Zur Sexua­li­tät und eroti­schen Wirkung von Gähnen hat der nieder­län­di­sche Forscher Wolter Seunt­jens seine Disser­ta­tion verfasst: «On Yawning or The Hidden Sexua­lity of the Human Yawn». Darin unter­sucht Seunt­jens diverse Aspekte des Gähnens und kommt zum Schluss: Je genauer das triviale Verhal­ten des Gähnens unter­sucht wird, desto komple­xer erscheint es. Denn nach wie vor wissen wir nicht, warum wir gähnen und wozu es dient. Seunt­jes beleuch­tet auch Aber­glaube, Hygiene, Ästhe­tik und Psycho­lo­gie bezüg­lich Gähnen um zu zeigen, weshalb das Gähnen ein fast univer­sel­les Tabu ist in unse­rer Gesell­schaft.

Keine der Begrün­dun­gen lässt Seunt­jens gelten: Am ehes­ten könnte das Tabu den Ursprung im Vermei­den von «Zähne­flet­schen» haben. Provine (2014: S. 39ff.) spricht vom neuro­bio­lo­gi­schen Erbe, welches dem Gähnen, Niesen und dem sexu­el­len Höhe­punkt, gemein­sam ist. Alle diese Akte stre­ben zu einem Höhe­punkt bei dem der Gesichts­aus­druck zum Verwech­seln ähnlich wirkt. Das Gähnen erreicht auf Provi­nes Lust­skala den Durch­schnitts­wert von 8.5 (1 = sehr schlecht, 10 = sehr gut).

Einfach gähnen ...

Manch­mal ist ein Gähnen einfach ein Gähnen. (Auch wenn ein einfa­ches Gähnen über­haupt nicht einfach ist.)

Seunt­jens unter­sucht die eroti­sche Seite von Gähnen und sammelte dazu Quel­len aus Lite­ra­tur und Kunst. Ein Motiv kehrt stän­dig wieder: Gähnen und Dehnen (im stretch-yawn syndrome SYS) sind mit Verlan­gen und Sehn­sucht verbun­den. Gähnen kann also mehr als nur ein Sympa­thie­be­kennt­nis sein! Im Ausdruck von Gähnen schwingt auch die genüss­li­che Lange­weile und ein Verlan­gen mit. Seunt­jens findet in allen Zeit­al­tern und Kultu­ren Belege, wie das Gähnen als laten­tes sexu­el­les Signal verwen­det wird. Auch Studien mit Prima­ten kommen zum glei­chen Resul­tat. Gähnen ist jedoch nicht immer erotisch moti­viert: «There are times when a yawn is simply a yawn. (Even if a simple yawn is not simple at all.)» [Manch­mal ist ein Gähnen einfach ein Gähnen. (Auch wenn ein einfa­ches Gähnen über­haupt nicht einfach ist.)] (vgl. Das erste Gesetz der Chas­mo­lo­gie)

Selbstfreundschaft mit allen Sinnen

Will ich mit mir befreun­det sein, komme ich nicht umhin, mich mit meinem Körper zu befreun­den.

Mein Inter­esse gilt weni­ger der sexu­el­len Moti­va­tion des Gähn­ak­tes, sondern vor allem den Wurzeln der Sinn­lich­keit – den Sinnen selbst und ihrem Aufblü­hen in der Wahr­neh­mung. Der Philo­soph Wilhelm Schmid schreibt in «Selbst­freund­schaft» darüber, wie das Leben leich­ter werden kann: Grund­lage dafür sieht Schmid in einer echten und tiefen Freund­schaft zu sich selbst (die er von Verliebt­heit oder Selbst­liebe abgrenzt). Wie die Freund­schaft zu sich gelin­gen kann, erläu­tert Schmid in 10 Punk­ten. Ich habe dieses Büch­lein als Hand­buch mit anlei­ten­dem Charak­ter zu Schmids philo­so­phi­scher Darle­gung «Mit sich selbst befreun­det sein» (2004) gele­sen. Das Gähnen hat das Poten­zial, jeder­zeit als kleine Erin­ne­rung ins Bewusst­sein zu treten, wie die Selbst­freund­schaft inten­si­viert und die Selbst­für­sorge unter­stützt und aufrecht erhal­ten werden kann.

Mit allen Sinnen (er)leben

Unser Körper, unsere Sinne und damit unsere Fähig­keit zur Sinn­lich­keit – gibt uns die Möglich­keit des Erle­bens, des Seins in Zeit und Raum. Selbst im Traum sind wir auf unsere sinn­li­che Wahr­neh­mung ange­wie­sen! Der Körper mit seinem sinn­li­chen Gedächt­nis spei­chert die Wahr­neh­mun­gen und die gemach­ten Erfah­run­gen. Das Körper­ge­dächt­nis, mein Erleb­nis-Archiv, kann ein Zugang zu Stär­ken sein oder auch Verhar­ren in Leid und Schmerz bedeu­ten. Mit seiner vier­ten Anre­gung zur Selbst­freund­schaft, der Sinn­lich­keit des Selbst, ermun­tert Schmid auf dem Weg zur Selbst­freund­schaft dazu, auf den eige­nen Körper zu achten. So wird die Acht­sam­keit «auf die Öffnun­gen und Senso­ren des Körpers, durch die die Welt mal mehr, mal weni­ger lust­voll einströmt» gelenkt. (Schmid 2018: S. 52)

Sinnlichkeit: Orientierung und Lebensfreude

Die Erfah­rung sinn­li­cher Fülle steht in direk­ter Rela­tion zur Sinn­erfüllt­heit des Lebens.

Unsere Sinne ermög­li­chen uns Orien­tie­rung und fördern die Lebens­freude. Schmid (2018: S. 52f.) formu­liert die These, dass die Sinn­lich­keit, die «Erfah­rung sinn­li­cher Fülle in direk­ter Bezie­hung zur Sinn­erfüllt­heit des Lebens steht.» Deshalb gehe es auf dem Weg zur Selbst­freund­schaft darum, den Körper besser wahr­zu­neh­men und die Sinn­lich­keit zu inten­si­vie­ren, d.h. Schmid empfiehlt eine «Kulti­vie­rung der Lüste». Schmid nennt Beispiele für die fünf allge­mein bekann­ten Sinne – Sehen, Hören, Schme­cken, Riechen, Tasten. Zwei weitere, für die in den Hirn­struk­tu­ren eine Refe­renz gefun­den wurde von den Neuro­bio­lo­gen, kommen dazu: der Bewe­gungs­sinn und der Sinn des Spürens. Das Gähnen kann uns in allen diesen Sinnen zur Fähig­keit des Erle­bens und ihrer Entwick­lung dienen. Da es uns tagtäg­lich begeg­net, ist das Gähnen der ideale Beglei­ter zur «Kulti­vie­rung der Lüste» auf dem Weg zur lebens­er­leich­tern­den Selbst­freund­schaft. (vgl. News­let­ter zu Gähnen und Selbst­wahr­neh­mung)

Tipp

Sinn­lich­keit ist mehr als unsere fünf Sinne. Wie kann das Gähnen das Erle­ben mit allen Sinnen unter­stüt­zen? Sinn­lich­keit und Acht­sam­keit für mehr Lebens­freude: Verän­dert sich mein Erle­ben – ja mein Leben – wenn ich den Sinnen Aufmerk­sam­keit und Wert­schät­zung schenke?

Nehmen Sie spon­tan auftre­ten­des Gähnen zum Anlass, Ihre Sinne und Ihr sinn­li­ches Erle­ben zu beob­ach­ten. Oder lassen Sie sich ein Gähnen zur Stär­kung der Sinn­lich­keit schen­ken: Tun Sie, was bei Ihnen persön­lich Gähnen auslöst. Machen Sie eine Übung, von der Sie aus Erfah­rung wissen, dass sie das Entste­hen von Gähnen unter­stützt. Lassen Sie sich von den Gähn-Tipps im Inter­view mit Brigitte Ulbrich, Stimm­ex­per­tin und Sprech­coach, inspi­rie­ren. Es kann auch helfen, ein Video zu schauen, z.B. wie Peter Cubasch das «sichere Gähnen» anlei­tet und den Trick des «So tun als ob» erklärt (vgl. News­let­ter Gähnen und Entspan­nung):

Sehen

Wie sind nun meine Augen in ihren Höhlen gebet­tet? Sind meine Augen müde oder wach? Schwer oder leicht? Beweg­lich oder starr? Ist Augen­was­ser entstan­den und wie nehme ich die befeuch­te­ten Augen wahr? Wie schaue ich nun in die Welt? Ist mein Blick klarer gewor­den, zieht es den Blick zum Hori­zont, in ein Gesicht oder ins Grüne? Wohin möchte ich schauen und lasse ich es gesche­hen? Sind die Farben inten­si­ver, ist die Drei­di­men­sio­na­li­tät klarer gewor­den? Habe ich beim Gähnen auch in mich hinein­ge­schaut und mein Selbst in freund­li­cher Begeg­nung gese­hen?

Hören

Wie nehme ich meine Gehör­gänge wahr? Welche Geräu­sche sind beim Gähnen entstan­den? Habe ich getönt? Wie war das für mich, laut­stark zu gähnen und Reso­nanz bis in den Raum hinaus zu erle­ben? Habe ich beim Gähnen in mich hinein­ge­hört und meinem Selbst freund­schaft­lich gelauscht? Was möchte ich hören? Was erfreut mein Ohr? Welchen Klän­gen möchte ich lauschen, kann ich mir diese zur Verfü­gung stel­len? Wie nehme ich nun das uner­müd­li­che Rauschen der Welt um mich wahr? Was rauscht in mir? Habe ich Zugang zu Stille und wie erlebe ich sie?

Schmecken

Wie fühlt sich meine Zunge an, meine Mund­höhle und mein Rachen­raum? Ist Weite und Raum entstan­den durch das Gähnen? Krib­belt es? Wo liegt meine Zunge? Ist sie gelöst oder ange­spannt? Hat Gähnen für mich einen Geschmack?* Ist mir vom Gähnen «das Wasser im Mund» zusam­men­ge­lau­fen? Wie begegne ich mir selbst im Schme­cken? Gönne ich mir etwas Schmack­haf­tes und kann es genies­sen? Ernähre ich mich in Freund­schaft zu meinem Körper?

Riechen

Wie nehme ich meine Nase wahr? Die Gänge in der Nasen­mu­schel, die Verbin­dung zum Rachen­raum. Wie war das für mich, als die Luft beim Gähnen durch den Mund einströmte und wieder ausge­stos­sen wurde? War die Nase daran auch betei­ligt? Wie riecht die Welt für mich? Wie gut kann ich mich heute «riechen» und worüber rümpfe ich die Nase? Nehme ich viel­leicht eine bestimmte Duft­note wahr, die das Gähnen zur Verfü­gung stellt? Welche Erin­ne­run­gen sind damit verknüpft?

Habe ich viel­leicht «Nasen­gäh­nen» prak­ti­ziert und spüre nun im Rachen­raum Anre­gung und Anspra­che? Mehr zum Nasen­gäh­nen gibt es im nächs­ten News­let­ter (28. Okto­ber 2019) zu lesen – die Teil­neh­men­den der Umfrage äussern sich dazu.

Tasten

Wie nehme ich nach dem Gähnen meine Haut und meine Körper­ober­flä­che wahr? Hat sich viel­leicht mein Gesicht gedehnt? Habe ich mich beim Gähnen berührt und zum Beispiel die Hände an den Nacken oder unter den Kiefer gelegt? Was habe ich unter den Händen gespürt? Wärme, Bewe­gung, ...? Welche Textur spüre ich unter meinen Händen, den Stoff der Hose, des Ärmels – wie berüh­ren die Finger­kup­pen und wie tastet die ganze Hand? Was spüren die Füsse? Die Zehen­kup­pen und die Fuss­soh­len sind sinn­lich ebenso gut ausge­rüs­tet wie die Hand, erlebe ich das im Kontakt zur Unter­lage? Wie kann ich mich an mich selbst «heran­tas­ten» auf meinem Weg zu mehr Selbst­freund­schaft und wie macht mir dies das Leben das leich­ter?

Bewegen

Bewe­gung, vor allem Dehnen, lockt das Gähnen. Habe ich das bei mir selbst erlebt? Nehme ich wahr, welche Bewe­gungs­ab­läufe beim Gähnen akti­viert werden und ob ich sie frei gesche­hen lasse? Bewege ich mich im Alltag und lasse ich mich bewe­gen? Das Gähnen kann mich meinem Verhal­ten auf die Spur brin­gen, wenn es spon­tan auftritt, spüre ich nach und stelle mir diese beiden Fragen dazu. Haben meine Glie­der dem Gähn­reiz nach­ge­ge­ben, konnte ich viel­leicht das Gähnen bis in die Finger­spit­zen und zu den Zehen genies­sen? Bis unters Schä­del­dach und zu den Fuss­soh­len? Wie hat mich das Gähnen inner­lich berührt? Wie fühlt sich mein Herz an, das durch den Zwerch­fell­tief­stand beim Gähn-Eina­tem mitbe­wegt wurde? Zum Bewe­gen und Bewegt­wer­den befrage ich auch meinen Atem. Den Atem, den ich gesche­hen lasse und erfahre in seinem Einströ­men und Ausströ­men und seiner Ruhe.

Sinnlichkeit: Innenwelt erleben

Das Erle­ben von Bewe­gen und Bewegt­wer­den läuft für mich auch unter Tiefen­sen­si­bi­li­tät oder Proprio­zep­tion, also der Wahr­neh­mung von Körper­lage und ‑bewe­gung im Raum sowie der Wahr­neh­mung von Organ­tä­tig­kei­ten. Im Grunde alles, was mir mein Selbst über meine Innen­welt und ihre Lage sowie ihren Aussen­be­zug zu erzäh­len vermag. Diese Form von Orien­tie­rung ermög­licht erst das Bewe­gen, den Bewe­gungs­sinn in Aktion. Senso­ren in Muskeln, Sehnen, Bändern und Gelen­ken reagie­ren auf Druck oder Dehnung und diese Signale sind für das Gehirn die «Entschei­dungs­grund­lage» für nötige Verän­de­run­gen. Darum müssen wir uns norma­ler­weise nicht kümmern – es ist jedoch äusserst lehr­reich und lohnend, sich damit zu beschäf­ti­gen.

Habe ich wahr­ge­nom­men, was sich inner­lich bewegt beim Gähnen? Das deut­li­che Schwin­gen des Zwerch­fells, das Weit­wer­den des Brust­korbs, das Öffnen des Kiefers und des Rachen­raums zum Beispiel? Wie geht mein rest­li­cher Innen­raum mit diesen Bewe­gung mit? Kommt ein Echo aus dem Becken­bo­den, legen sich die Schul­ter­blät­ter auf den Brust­korb nieder, schwin­gen die gedehn­ten Partien wieder zurück? Lasse ich es gesche­hen, vom Gähnen bewegt zu werden? Und wie bewegt es mich inner­lich? Wie begegne ich meinem Selbst im Gähnen? Wie bewe­gend ist es für mich, mir selbst zu begeg­nen?

Spüren

Ist das Spüren der «siebte Sinn», das «Bauch­ge­fühl»? Schmid (2018: S. 58f.) erklärt, dass dieser Sinn wert­volle Infor­ma­tio­nen über Innen- und Aussen­welt vermittle und beson­ders der Bauch­raum mit Tausen­den von Anten­nen ausge­stat­tet, unzäh­lige Infor­ma­tio­nen ans Gehirn weiter­leite. Das Gehirn ist dann damit beschäf­tigt, diese Signale zu deuten, was dem gedank­li­chen Selbst oft nicht leicht fällt (vgl. News­let­ter zu Gähnen und Gehirn­ner­ven). Dieses Spüren bedeu­tet, wie es um die Sensi­bi­li­tät für meinen eige­nen Körper steht. Oft wird «spüren» auch verwen­det um die Wahr­neh­mung mit den bereits genann­ten Sinnen, vor allem dem Tast­sinn, oder einer Kombi­na­tion verschie­de­ner Sinnes­wahr­neh­mun­gen auszu­drü­cken. Ich spre­che in beiden Fällen von Empfin­dung bzw. Körper­emp­fin­dung. Was sagen Sie dazu?

Sinnlichkeit und Schmerzempfinden

Schmid (2018: S. 59f.) spricht in diesem Zusam­men­hang auch das Schmerz­emp­fin­den an: Schmer­zen machen das Ich auf unse­ren Körper aufmerk­sam. Ihre Botschaft ist, sich mehr mit dem Körper zu befas­sen und sich auf das Leben zu besin­nen. Auf das, was viel­leicht falsch läuft. Schmer­zen können einen Moti­va­tion sein, sich selber besser kennen­ler­nen und die Freund­schaft zu sich selbst zu pfle­gen. Grund­lage dazu ist die Selbst­für­sorge von Fuss bis Kopf und natür­lich mit Herz, wo alle Sinne zusam­men­kom­men.

Wenn ich gähne oder einem Gähnen nach­spüre, wovon lasse ich mich leiten? Es können die fünf Sinne sein oder die Bewe­gung. Es kann aber auch das Körper­spü­ren, die Empfin­dung sein, wie ich das Gähnen körper­lich erlebt habe und wie es in mir nach­schwingt. Dann kann ich mich fragen, wie ich mich dabei fühle: Ist/​war das ange­nehm oder unan­ge­nehm? Welche Gefühle sind mit dem Gähnen viel­leicht an die Ober­flä­che gespült worden? Sind es aktu­elle Gefühle, die zur gegen­wär­ti­gen Situa­tion passen, oder gehö­ren die erleb­ten Gefühle eher in eine andere Zeit/​Situation?

Mir selbst auf der Spur

Im Spüren steckt die Spur: welche Spuren verfolge ich? Bin ich in oder neben der/​meiner Spur? Wovon entde­cke ich Spuren bei meiner Innen­schau? Bringt mich das Gähnen auf die Spur meines momen­ta­nen Bedürf­nis­ses? Geht das Gähnen spur­los an mir vorüber? Welche Gefühle löst diese Begeg­nung mit mir selbst aus? Wie geht es mir heute auf dem Weg zu mehr Selbst­freund­schaft und wie leicht fühlt sich das Leben an? Welchen Sinn regt bei mir das Gähnen vor allem an? Mit welchem Sinn beschäf­tige ich mich am liebsten/​am leich­tes­ten? Welcher Sinn bringt mir am meis­ten Erfül­lung? Welchen Sinn habe ich in der Vergan­gen­heit am deut­lichs­ten kulti­viert? Welchen Sinn möchte ich häufi­ger pfle­gen? Wie kann mich das Gähnen dabei unter­stüt­zen?

Der siebte Sinn?

Und der siebte Sinn, das Bauch­hirn, hat noch ganz andere Dimen­sio­nen der Wahr­neh­mung: Ist das die Intui­tion, die mich in einer Situa­tion mit Bestimmt­heit leitet, was ich als Ahnung erfahre, losge­löst vom ratio­na­len Denken? Im Gähnen kann es zum Beispiel das Erle­ben der Bezie­hungs­at­mo­sphäre sein, Sympa­thie und Mitge­fühl mit unbe­kann­ten Zufalls­be­geg­nun­gen. Auch der Humor und das Aufblü­hen der Lebens­freude kann darauf Nähr­bo­den finden. Ein Lächeln entsteht viel­leicht ...

Ist meine Acht­sam­keit zum Erle­ben von Gähnen durch das aktive Kulti­vie­ren meiner Sinnes­wahr­neh­mun­gen geweckt worden? Ist viel­leicht durch das Gähnen «mit allen Sinnen» auch mein Wahr­neh­mungs­spek­trum und damit meine Genuss­fä­hig­keit gewach­sen? Bringt mich das Erle­ben solcher Sinn­lich­kei­ten weiter auf meinem Weg zum leich­te­ren Leben und zu mehr Selbst­freund­schaft? Das Gähnen wird mit Empa­thie in Verbin­dung gebracht – kann mir das Gähnen Empa­thie zu mir selber ermög­li­chen? (vgl. News­let­ter zu Gähnen und Empa­thie) Ich freue mich, von Ihnen zu hören, wie Sie das erle­ben. Schrei­ben Sie an Susanne Wagner oder verfas­sen Sie einen Kommen­tar (Formu­lar am Ende der Seite).

Umfrage zum Gähnen

Teile der Umfra­ge­re­sul­tate wurden im Rahmen der Abschluss­ar­beit am Atem­in­sti­tut Schweiz ausge­wer­tet. Sie können das pdf der Arbeit down­loa­den (Zugang anfor­dern). Weitere Themen werde ich in den nächs­ten Mona­ten zugäng­lich machen. Als erstes kommt das «Nasen­gäh­nen» in die Auswer­tung.

Wagner, Susanne (2019): Von der gähnen­den Leere zum lehren­den Gähnen: Förde­rung der Selbst­wahr­neh­mung und Stär­kung der Selbst­re­gu­la­tion. Bern: Atem­in­sti­tut Schweiz.
Abstract: Das Multi­ta­lent Gähnen ist eine der ältes­ten Ressour­cen des Orga­nis­mus zur Homöo­stase. Es ist wie der Atem an der Schnitt­stelle von unbe­wuss­tem und bewuss­tem Verhal­ten und eignet sich in der komple­men­tärthe­ra­peu­ti­schen Arbeit zur Förde­rung der Selbst­wahr­neh­mung und der Stär­kung von Selbst­re­gu­la­tion. Zwischen­mensch­lich ist das Gähnen ein hoch­an­ste­cken­des Reso­nanz­phä­no­men: Allen geschieht es, alle sind sich einig: Gähnen ist wohl­tu­end, aber unhöf­lich – körper­li­ches Bedürf­nis des Indi­vi­du­ums und gesell­schaft­li­che Konven­tion gera­ten in Wider­streit.
Zum persön­li­chen Erle­ben von Gähnen wurde eine online-Umfrage mit über 800 Teil­neh­men­den durch­ge­führt. Ausge­wer­tet werden Fragen zum Erle­ben und Bewer­ten von eige­nem und frem­dem Gähnen sowie zum Umgang mit Gähn­im­pul­sen. Die diffe­ren­zierte Selbst­wahr­neh­mung unter­schei­det das wert­freie körper­li­che Spüren vom Fühlen, der inne­ren Bewer­tung des Erleb­ten. Die innere Bewer­tung kann die Wirkung von Stres­so­ren auf den mensch­li­chen Orga­nis­mus verstär­ken oder dämp­fen und damit Gene­sung hindern oder fördern. Es kann dem Wachs­tum des persön­li­chen Wohl­be­fin­dens dienen, die innere Bewer­tung als Schlüs­sel zu den eige­nen Ressour­cen und als Instru­ment zur Selbst­re­gu­la­tion zu entde­cken. Am Beispiel Gähnen wird gezeigt, wie der Mensch durch acht­sa­mes Wahr­neh­men, Bewusst­wer­dung und Refle­xion von Gähnen zu mehr Selbst­wirk­sam­keit gelan­gen kann.

Vorschau

Der nächste News­let­ter zum Gähnen erscheint am 28. Okto­ber 2019 zum Thema «Nasen­gäh­nen». Nicht verges­sen: «Wenn Sie Ihr Gehirn in einem opti­ma­len Gesund­heits­zu­stand halten wollen, ist es unbe­dingt erfor­der­lich, dass Sie gähnen.» (Newberg, 2010, S. 214)

Der «News­let­ter zum Gähnen» erscheint jeweils am 28. des Monats mit Themen rund ums Gähnen. Die Themen für 2019 waren inspi­riert von Andrew Newbergs Liste «12 wich­tige Gründe zu gähnen» in «Der Finger­ab­druck Gottes».

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* Ein unge­bo­re­nes Kind gähnt im Mutter­leib ab der 11. Schwan­ger­schafts­wo­che. Dabei nimmt es auch den Geschmack seines eige­nen Frucht­was­sers wahr, dies beein­flusst die späte­ren Geschmacks­vor­lie­ben.

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