GÄHNEN
Eiche im Januar

Gähnen und Selbstwahrnehmung

Gähnen will­kom­men heis­sen bedeu­tet, ja sagen zu Verän­de­rung. Was kann ich vom Gähnen lernen und wie kann ich lernen zu gähnen? Wie kann ich im Alltag das bewusste Erle­ben von Gähnen und damit meine persön­li­che Atem­kraft für mein Selbst­be­wusst­sein und meine Selbst(er)kenntnis nutzen? Grau­en­haft oder lustig? Bereits 200 Perso­nen haben an der Umfrage zum Gähnen teil­ge­nom­men und ihre Gähn­er­leb­nisse geteilt.

News­let­ter vom 28. Januar 2019
von Susanne Wagner · Ausgabe Nr. 2 · 12019

Ich gähne, also bin ich

Plötz­lich muss ich gähnen – Dies­mal ist das Gähnen, das «von innen» kommt Gegen­stand des News­let­ters. Gemäss Walu­sin­ski (2018) ist Gähnen ein typi­sches Beispiel eines Verhal­tens, das «rezy­kliert» wurde im Laufe der Evolu­tion. Die wach­sende Komple­xi­tät der sozia­len Inter­ak­tio­nen führte zu einer Weiter­ent­wick­lung des Nerven­sys­tems und das Gähnen bekam immer wieder neue Aufga­ben. Im Grunde sind es zwei Gegen­pole, unter denen Walu­sin­ski die diver­sen Funk­tio­nen des Gähnens zusam­men­fasst. Das Gähnen kommt entwe­der als körper­li­ches Signal von innen oder entsteht aus einem kommu­ni­ka­ti­ven Impuls von aussen.

Gähnen von aussen

Im letz­ten News­let­ter ging es um dieses Gähnens «von aussen», beson­ders darum, wie es mit Empa­thiefä­hig­keit in Zusam­men­hang gebracht wird, wenn man sich leicht mit Gähnen anste­cken lässt. Das Gähnen, das von aussen ange­regt wird, ist mit sozia­ler Inter­ak­tion, Stress­si­tua­tio­nen oder Sexua­li­tät gekop­pelt, dabei wird unbe­wusst das Verhal­ten des Gegen­übers imitiert. Es kann jedoch nicht das Gähnen aus physio­lo­gi­schen Grün­den mit nicht-sozia­len und das kommu­ni­ka­tive Gähnen mit sozia­len Umstän­den gleich­ge­setzt werden! Gähnen kann auch als synchro­nes Verhal­ten auftre­ten (eine ganze Gruppe gähnt, aber nicht aus Anste­ckung sondern z.B. auf den Schlaf-Wach-Rhyth­mus bezo­gen, in welchem die einzel­nen Indi­vi­duen der Gruppe synchro­ni­siert sein können).

Gähnen von innen

Kommt das Gähnen von innen, zeigt es ein regu­la­to­ri­schen Bedürf­nis unse­res Körpers: Säuge­tiere folgen bei Über­gän­gen von einem Verhal­ten oder einer Akti­vi­tät zur ande­ren einem inne­ren Impuls, der vom Hypo­tha­la­mus gesteu­ert wird (auch verant­wort­lich für das Stoff­wech­sel­gleich­ge­wicht) und gähnen dabei. Was kann mir also ein Gähnen über meinen eige­nen, momen­ta­nen Zustand oder eine Verän­de­rung dessel­ben verra­ten? Was kann ich persön­lich vom Gähnen lernen, wenn ich in meinen Gähn-Momen­ten beson­ders aufmerk­sam in mich hinein­lau­sche? Plötz­lich muss ich gähnen – kommt das nun von innen oder von aussen? Wenn es von innen kommt, was will mein Selbst mir sagen?

Wo wird der «Gähn-jetzt-mal-Button» gedrückt?

Wo in unse­rem Gehirn wird Gähnen ausge­löst und gesteu­ert? Welche Gehirn­an­teile haben wann eine Schalt­ho­heit? Gähnen als instink­tive Reak­tion, das emoti­ons­be­zoge Gähnen oder das Unter­drü­cken bzw. kontrol­lierte Erlau­ben von Gähnen ... Ist es möglich, diese Abläufe ins Bewusst­sein zu holen und als Ressource zu nutzen, indem durch Gähnen Gehirn­areale gezielt ange­regt werden?

Cubasch (2016) beschreibt in «Gähnen – der natür­li­che Weg zu Entspan­nung und Wohl­be­fin­den», wie wir in Bezug auf das Gähnen verschal­tet sind: Das Gähnen von innen (spon­ta­nes Gähnen) wird im ältes­ten Teil unse­res Gehirns ausge­löst – im Stamm­hirn, wo auch unsere Instinkte und Reflexe behei­ma­tet sind. Dieses Gehirn­areal wird auch als Repti­li­en­hirn (The Repti­lian Brain) bezeich­net. Wenn wir morgens im Über­gang von Schlaf- zu Wach­zu­stand gähnen, wird dies vom Repti­li­en­hirn gesteu­ert. Diese Art von Gähnen ist wich­tig für unsere inne­ren Rhyth­men, für Über­gänge zwischen Zustän­den und Akti­vi­tä­ten, die körper­li­che Regu­lie­rungme­cha­nis­men erfor­dern. Wenn ich dem Gähnen, das von innen kommt, Aufmerk­sam­keit schen­ken kann, bringt mich das mit meinen indi­vi­du­el­len Rhyth­men und meinen physio­lo­gi­schen Bedürf­nis­sen in Kontakt.

Im etwas jünge­ren Teil, dem Zwischen­hirn (The Mamma­lian Brain), wird die Art von Gähnen gesteu­ert, die uns zur Regu­lie­re­ung von Erre­gung und Emotio­nen dient. Hier sitzt die Amyg­dala (Mandel­kern), die zustän­dig ist für Angst und Wut und uns bei der Einschät­zung hilft, ob jemand freund­lich oder feind­lich auf uns zukommt. Auch im Zwischen­hirn behei­ma­tet ist der Nucleus accum­bens, der unser Beloh­nungs­zen­trum enthält. Hier entste­hen Gefühle der Zufrie­den­heit, der Lust und des Glücks. Gähnen kann sich also auch unter­stüt­zend auf den Umgang mit meiner Gefühls­welt auswir­ken und mir in Situa­tio­nen der Verun­si­che­rung oder Erre­gung einen inner­li­chen Halt geben oder sogar Glücks­hor­mone ausschüt­ten helfen. (Siehe auch: Gähnen gegen Ärger)

Das Gross­hirns (The New Brain) ist Sitz der Fähig­keit des Menschen, sich selbst bewusst zu sein. Hier liegen die Vernet­zun­gen und Struk­tu­ren, die uns ein Planen, Bewer­ten und Kontrol­lie­ren auch von Bedürf­nis­sen – also von Impul­sen aus den beiden ande­ren Gehirn­re­gio­nen – ermög­li­chen. «Im Gross­hirn können wir auch den Entschluss fassen, will­kür­lich zu Gähnen – selbst dann, wenn wir gelernt haben, es norma­ler­weise zu unter­drü­cken.» (Cubasch 2016: S. 47) Mit meinem Neus­äu­ger­ge­hirn bin ich Herrin über mein Gähnen. Wenn ich es brau­che, kann ich es mir holen. Wenn es mir unan­ge­bracht erscheint in einer Situa­tion, kann ich es so verän­dern, dass für mich keine sozia­len Konse­quen­zen haben muss (z.B. Nasen­gäh­nen anstatt freies, offe­nes Gähnen).

Abbildung der drei Gehirnareale
Quelle: https://​www​.zero​se​ven​.com​.au/​B​l​o​g​/​2018​/​M​a​r​c​h​/​D​e​s​i​g​n​-​f​o​r​-​t​h​e​-​Brain

Wer entscheidet, ob ich gähne oder nicht?

Das Gähnen kommt also aus verschie­de­nen Area­len unse­res Gehirns und ist in komple­xen Mecha­nis­men einer­seits unse­rem Willen unter­tan und gleich­zei­tig eben gerade nicht. Gähnen ist eine Form von Atmen – auch den Atem können wir willent­lich führen, holen, ausstos­sen, usw. Oder wir können uns dem natür­li­chen Atem zuwen­den, zu Beob­ach­te­rin­nen und Beob­ach­tern werden in Bezug auf unser Atem­ge­sche­hen. So teilt mir mein Atem mit, in was für einer Lage ich mich gerade befinde – bin ich verängs­tigt und bedrückt unter­wegs zu einem schwie­ri­gen Gespräch oder freu­dig aufat­mend oben auf dem Berg ange­kom­men? Das Atem­ge­sche­hen bringt mich in Kontakt mit mir selbst – warum nicht auch Botschaf­ten meines «Gähn­ge­sche­hens» berück­sich­ti­gen?

Wilhelm Schmid erklärt in «Mit sich selbst befreun­det sein» tref­fend, dass unser Selbst an die Atmung gebun­den ist. So denn auch unsere Selbst­wahr­neh­mung, unser Selbst­be­wusst­sein und Selbst­kennt­nis. Wie gestalte ich diesen Kontakt zu mir selbst? Bin ich mir eine gute Freun­din? Wie gehe ich um mit der mich durch­strö­men­den Kraft, meinem Lebens­hauch?

All das unwill­kür­li­che Dehnen und Stre­cken, das morgens nach dem Aufste­hen, tags­über als Reak­tion auf Bewe­gungs­man­gel voll­zo­gen wird, stellt bereits eine Übung zur Weitung und Vertie­fung des Atmens dar. Eine Übung selbst­tä­tig jedes Gehen, jedes Luft­ho­len im Aufseuf­zen, das dem Selbst keine andere Möglich­keit mehr übrig lässt, als Atem zu schöp­fen, viel­leicht um etwas zu bewäl­ti­gen, das verschwie­gen bleibt, aber der Kraft bedarf (Schmid 2004: S. 210)

Das Atmen, beson­ders das Atmen, dem Aufmerk­sam­keit einge­räumt wird, hilft uns also bei der Bewäl­ti­gung von Über­gän­gen und wird zu einer Kraft­quelle und zum Tor zu Ressour­cen. Das Gähnen bleibt hier von Schmid aber uner­wähnt – dabei könnte es die direk­teste, untrüg­lichste und am häufigs­tens bewusst erfah­rene Botschaft des Selbst sein, die der Atem jeder und jedem von uns täglich unent­wegt schickt.

Tipps

Ja sagen zum Gähnen bedeu­tet, Ja sagen zum Erle­ben von Verän­de­rung. Ja zum Leben im eige­nen Rhyth­mus aus der Begeg­nung mit sich selbst. Reizt es mich, auszu­pro­bie­ren, was ich erlebe, wenn ich das Gähnen als Botschaft aus mir selbst will­kom­men heisse?

Vom Gähnen lernen

Jedes Gähnen gibt mir die Möglich­keit, meine Aufmerk­sam­keit nach innen zu rich­ten, zu mir selbst, und mich zu fragen, wie es mir gerade geht. Was will das Gähnen mir sagen? In welchem Über­gang befinde ich mich, worin kann es mich unter­stüt­zen? Beim Wach­wer­den oder beim Schla­fen gehen? Oder mitten am Tag: Brau­che ich viel­leicht eine Pause? Etwas Bewe­gung? Ein Nicker­chen? Was kann ich mir in diesem Moment Gutes tun?

Das Gähnen von innen bringt mich in Kontakt mit meinen Rhyth­men, mit meinem Erle­ben von Über­gän­gen und damit zu meinem Lebens­fluss. Bin ich stän­dig «online» und auf Draht? Gönne ich mir Pausen? Fühle ich mich schlapp und lust­los oder bin ich gespannt und aufge­weckt, was als nächs­tes passie­ren wird in meinem Leben? Ist der Kontakt zu mir selbst eine Freude oder eine anstren­gende Ange­le­gen­heit? Kann ich meine Stim­mun­gen, Befind­lich­kei­ten und Bedürf­nisse wahr­neh­men und freund­lich sein zu mir selbst?

All das kann ich im Gähnen neu erfah­ren. Gähne ich am Morgen – ja, es gibt mir die Unter­stüt­zung um wach zu werden und in den Tag zu star­ten. Gähne ich am Abend – ja, es ist Zeit, den Compu­ter abzu­schal­ten und die «ich gehe nun lang­sam schlafen»-Rituale zu begin­nen, damit ich mich vom Schlaf ruhig in den Arm nehmen lassen kann. Bin ich hung­rig? Gelang­weilt? Verär­gert? Unge­dul­dig? Lust­los? Auch all das und noch viel mehr könnte ein Gähnen mir sagen wollen.

Lernen zu Gähnen

Kaum will ein Gähnen kommen, schal­tet sich unser Gross­hirn ein und regu­liert unser Verhal­ten – ist offe­nes, freies Gähnen gerade jetzt erlaubt? Anstän­dig? Was für ein Signal sende ich, wenn ich jetzt offen gähne? Welche Konse­quen­zen könnte dies haben? Ein solcher oder ähnli­cher Mecha­nis­mus ist in uns allen abge­spei­chert und läuft ab, ohne dass wir darüber nach­den­ken – deshalb ist das Gähnen oft nicht will­kom­men. Es wird höflich unter­drückt oder leicht beschämt versucht, möglichst unauf­fäl­lig zu gähnen. Wer im Beisein ande­rer offen und frei gähnt, kann ich einen Erklä­rungs­not­stand gera­ten – bist du müde? Ist dir lang­wei­lig? Hast du keinen Anstand?

Um mir selbst im Gähnen acht­sam, freund­lich und neugie­rig zu begeg­nen, schärfe ich meine Sinne. Ich stelle mir Raum zur Verfü­gung für das Gähn­er­leb­nis und gebe mich ihm hin. Ich lasse gesche­hen und beob­achte, was es mit mir macht. Wie blicken nach­her die Augen in die Welt? Rauscht das Gähnen noch in meinen Ohren? Klingt die Weite noch nach? Wie hat mich das Gähnen bewegt und wie bewegt es mich noch immer? Und wie geht es nun weiter? Was ist Jetzt neu gewor­den in der Begeg­nung mit mir selbst?

Umfrage

Bereits 200 Perso­nen haben den Frage­bo­gen ausge­füllt. Einige finden es span­nend und es weckt ihre Neugierde. Andere haben bereits auf den ersten Seiten den Absprung gewählt. Wieder andere finde die Umfrage grund­sätz­lich grau­en­haft, haben aber trotz­dem tapfer bis zum Ende des Frage­bo­gens durch­ge­hal­ten! Allen herz­li­chen Dank!

Hier einige Antwor­ten aus den frei­wil­li­gen Bemer­kun­gen, die zeigen, wie unter­schied­lich Gähnen wahr­ge­nom­men wird und wirkt: Nach einem zuge­las­se­nen Gähnen fühlen sich die einen entspannt oder müde, die andern wacher und aufmerk­sa­mer und mehr in der Wahr­neh­mung des eige­nen Körpers. Nach einem unter­drück­ten Gähnen beob­ach­tet jemand, dass «es dann doch meist noch raus­will». Andere fühlen sich nach einem unter­drück­ten Gähnen belebt, entspannt, müde oder zufrie­den. Es wird auch beob­ach­tet, dass keine Verän­de­rung wahr­nehm­bar ist nach einem Gähnen. Viel­leicht hat das Gähnen ja gerade eine solche so regu­liert, dass sie einem körper­lich oder seelisch nicht auffällt?

Gähnen polarisiert!

Die Umfra­ge­teil­neh­mer beob­ach­ten: Ist man alleine, kann man frei und unge­hemmt gähnen, da niemand das Gähnen inter­pre­tiert (z.B. als Desin­ter­esse). Das Gesche­hen­las­sen des Gähnens wirkt befrei­end, vertieft den Atem und tut einfach gut. Das freie Gähnen kommt tief von unten und bringt Entspan­nung, Erleich­te­rung, Erlö­sung und Anre­gung. Das Gähnen lenkt die Aufmerk­sam­keit auf den eige­nen Körper (z.B. weg vom Bild­schirm) und weg vom Grübeln. Das Gähnen teilt mir selbst etwas mit, was schon lange nötig gewe­sen wäre.

Mich erstaunt es nicht, dass die Rück­mel­dun­gen so ausein­an­der­klaf­fen – das Erle­ben von Gähnen liegt nicht nur ohne­hin in der persön­li­chen Wahr­neh­mung und betrifft den eige­nen «inne­ren Abgrund», sondern es pola­ri­siert auch in der Begeg­nung mit der Aussen­welt. Was denken Sie darüber? Wie erle­ben Sie das? Teilen Sie in einem Kommen­tar Ihre Ansich­ten und Erfah­run­gen mit der hier enste­hen­den Gähn-Commu­nity. (Kommen­tar verfas­sen: Eingabe am Arti­kel­ende)

Die Umfrage läuft weiter – soll­ten Sie noch nicht teil­ge­nom­men haben, hier gehts zum Frage­bo­gen. Hoffent­lich werden noch viele Perso­nen ihr Erle­ben von Gähnen teilen! Mehr Infor­ma­tio­nen folgen Ende Februar, wenn der nächste News­let­ter erscheint.

Vorschau

Der nächste News­let­ter zum Gähnen erscheint am 28. Februar 2019

Der «News­let­ter zum Gähnen» erscheint jeweils am 28. des Monats mit Themen rund ums Gähnen. Die geplan­ten Themen für 2019 sind inspi­riert von Andrew Newbergs Liste «12 wich­tige Gründe zu gähnen» in «Der Finger­ab­druck Gottes».

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2 Kommentare zu “Gähnen und Selbstwahrnehmung

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