GÄHNEN
Eiche im April 2019

Gähnen und Kopfarbeit (I)

Was ist die ideale Betriebs­tem­pe­ra­tur des Gehirns und was hat Gähnen damit zu tun? Weshalb zerbre­chen sich die Wissen­schaft­ler seit der Antike den Kopf darüber, warum wir gähnen? Genies­sen wir doch einfach seine wohlige Wirkung. Für viele Menschen ist das Gähnen auf der Lust­skala weit oben ange­sie­delt! Fast 600 Perso­nen haben ihr persön­li­ches Erle­ben von Gähnen schon geteilt und über die Hälfte der Teil­neh­men­den gibt an, das Gähnen bewusst wahr­zu­neh­men – die Umfrage läuft weiter!

News­let­ter vom 28. April 2019
von Susanne Wagner · Ausgabe Nr. 5 · 4 /​2019

Schon seit der Antike zerbre­chen sich Wissen­schaft­ler den Kopf um der Ursa­che für das Gähnen auf die Spur zu kommen: «Ich kenne kein ande­res Verhal­ten, welches eine so breite Palette an Funk­tio­nen hätte», sagt Dr​.med. O. Walu­sin­ski, ein wich­ti­ger Mann der Gähn-Forschung, in einer Repor­tage des Bayri­schen Rund­funks zum Thema Gähnen. Auch wenn viele Vermu­tun­gen nie bewie­sen werden konn­ten – oder sogar wider­legt sind! – halten sich Mythen und Sagen ums Gähnen hart­nä­ckig. Adrian G. Guggis­berg (2012, S. 69), einer der wich­tigs­ten Gähn­for­scher unse­rer Zeit, beleuch­tet in «Gähn!», mögli­che und oft zitierte – jedoch offen­bar alle­samt unzu­tref­fende – Erklä­run­gen, weswe­gen wir Gähnen. Punk­ten Sie beim nächs­ten lang­wei­li­gen Small­talk mit Gähn-Wider­rede!

Gähnen zur Sauerstoff-Optimierung?

Die grosse Gähn-Lüge
P.M. Welt des Wissens (2010, S. 70)

Schon der grie­chi­sche Arzt Hippo­kra­tes (4. Jh.v.Chr.) vermu­tete, dass Gähnen «schlechte» Luft aus der Lunge entfer­nen könne. Seit­her glaub­ten Wissen­schaft­ler, das Gähnen diene dazu, den Sauer­stoff­ge­halt in Blut und Hirn zu erhö­hen, was sie als eine alter­na­tive Form der Atmung inter­pre­tier­ten. Ende des 20. Jhs. bewies jedoch Robert Provine (2014, S. 49), dass auch bei einem höhe­ren CO2-Gehalt in der Luft die Proban­den nicht häufi­ger gähn­ten (bloss schnel­ler atme­ten, um mehr Sauer­stoff aufzu­neh­men). Damit war die «Sauer­stof­flüge» entlarvt – jedoch nicht entkräf­tet. Noch heute wird diese Infor­ma­tion weiter­ver­brei­tet. Laut Provine sind Atmen und Gähnen unab­hän­gig vonein­an­der, wenn auch beide den Atmungs­ap­pa­rat betref­fen.

Gähnen für mehr Wachheit und Aufmerksamkeit?

Am häufigs­ten Gähnen wir vor dem Schla­fen­ge­hen und am Morgen nach dem Aufste­hen (vgl. Gähnen und Lebens­rhyth­mus), also in Momen­ten, in denen wir beson­ders müde und schläf­rig sind. 2007 über­prüfte Guggis­berg mit seinem Forschungs­team (2010, S. 4754) diesen Ansatz mit Proban­den, die beson­ders müde waren. Sie sassen in einem verdun­kel­ten Raum und ihre Aufgabe war, in diesem schläf­ri­gen und gelang­weil­ten Zustand wach zu blei­ben. (Schläf­rig­keit und Lange­weile führt bekannt­lich häufig zu Gähnen, so auch die Defi­ni­tion auf duden​.de). Bei den Versuchs­teil­neh­mern wurde die Hirn­ak­ti­vi­tät gemes­sen – vor und nach dem Gähnen. Elek­tri­sche Gehirn­ströme verra­ten, wie wach und aufmerk­sam jemand ist: Die Hirn­ströme der Proban­den waren vor und nach dem Gähnen gleich lang­sam (Delta­wel­len), ein Weck-Effekt konnte also nicht beob­ach­tet werden: Gähnen macht uns also nicht wacher (und aufmerk­sa­mer), sondern wir gähnen, wenn und weil wir müde sind (vgl. auch Cubasch 2016, S. 41).

Gähnen für einen kühlen Kopf?

Andrew Gallup (2010, S. 84), ein Evolu­ti­ons­psy­cho­loge aus den USA vertritt die Ansicht, dass Gähnen der Abküh­lung des Gehirns dient. Dies beob­ach­tete er bei Versu­chen mit Menschen und Ratten. Gemäss Guggis­berg und ande­ren Wissen­schaft­lern ist jedoch nach wie vor umstrit­ten, ob Gähnen dazu dienen kann, die Gehirn­tem­pe­ra­tur zu regu­lie­ren. Denn bestimmte Zentren im Mittel­hirn können zwar Gähnen auslö­sen, sind aber gleich­zei­tig auch dafür zustän­dig, die Körper­tem­pe­ra­tur zu regu­lie­ren. Guggis­berg (2012, S. 8): «Norma­les Atmen durch die Nase dürfte effi­zi­en­ter sein, um kühles Blut zum Hirn zu beför­dern.»

Ohrendruck lösen?

Verbindung Innenohr Nasen-Rachenraum
Bild­quelle

Herz­haf­tes Gähnen schafft den Druck­aus­gleich im Innen­ohr. Dies wissen wir alle aus eige­ner Erfahrung. Es öffnet die Eusta­chi-Röhre, die Mittel­ohr mit Nasen-Rachen­raum verbin­det. So wurde Mitte des 20. Jhs. speku­liert, das Gähnen bewahre das Innen­ohr und das Trom­mel­fell vor Schä­den. Diese Idee konnte aber nicht bewie­sen werden, denn auch beim Kauen und Schlu­cken öffnet sich die Eusta­chi-Röhre.

Gähnen als Kommunikationsmittel ...

Guggis­berg (2012, S. 8) vermu­tet, die Lösung des Gähn-Rätsels könnte ausser­halb des Körpers liegen: Gähnen wird als unhöf­lich empfun­den (findet auch der schwei­ze­ri­sche Knigge). Unhöf­lich, weil es ein nonver­ba­les Signal ist (von Schläf­rig­keit und Lange­weile). In der zwei­ten Hälfte des 20. Jhs. wurde die anste­ckende Wirkung des Gähnens erst­mals formu­liert und erforscht sowie dank der Spie­gel­neu­ro­nen mit der Empa­thiefä­hig­keit in Verbin­dung gebracht (siehe Gähnen und Empa­thie).

Tipp

Offen­bar spielt die Kiefer­de­h­nung die entschei­dennde Rolle, in welchem Ausmass ein Gähnen als ange­nehm erlebt wird (vgl. Gähnen und Entspan­nung). Wenn Sie das nächste Mal von einem Gähnen heim­ge­sucht bzw. besucht werden – spüren Sie dem «behag­li­chen Begleit­ge­fühl» nach (Guggis­berg 2012, S. 6). Nehmen Sie sich einen Moment Zeit, dem Echo des Gähnens in Ihrem Kopf nach­zu­lau­schen. Vom Rachen über die Nase bis ins Innen­ohr.

Wie wach oder schläf­rig fühlen Sie sich? Wie fühlen sich Ihre Augen­höh­len an? Spüren Sie viel­leicht ein Prickeln auf der Kopf­haut, ein Nach­schwin­gen der Schä­del­kno­chen? Auch wenn viele Gähn-Hypo­the­sen umstrit­ten oder sogar wider­legt sind, Ihre persön­li­che Wahr­neh­mung stimmt immer. Fühlen Sie sich wacher, erfrischt, ange­regt? Dann ist das so, selbst wenn die physio­lo­gi­schen Erklä­run­gen dafür wissen­schaft­lich (noch) keine Grund­lage haben.

Die Bewertung von Gähnen auf der Lustskala

Die Erklä­rungs­ver­su­che rund um die Ursa­chen und Wirkun­gen des Gähnens sind wohl nicht voll­stän­dig an den Haaren herbei­ge­zo­gen. Wahr­schein­lich haben sie ihren Ursprung in der Wahr­neh­mung des eige­nen Gähnens oder stam­men aus dem Beob­ach­ten des Verhal­tens von Tieren. Wenn Hippo­kra­tes vermu­tete, das Gähnen erneuere die Luft in den Lungen, hat er das wohl bei sich oder bei seinen anti­ken Mitmen­schen so erlebt. Das «behag­li­che Begleit­ge­fühl» des Gähnens verschaffte ihm schon vor ein paar Tausend Jahren wohlige Erfri­schung. Cubasch (2016, S. 39) meint: «Nach ausgie­bi­gem Gähnen stellt sich ein ange­neh­mes Gefühl wohli­ger Wärme ein und die Haut nimmt infolge der besse­ren Durch­blu­tung einen rosi­gen Schim­mer an.» Robert Provi­nes Proban­den vertei­len dem Gähnen auf der Skala des lust­vol­len Erle­bens (1 sehr schlecht bis 10 sehr gut) im Durch­schnitt einen Wert von 8,5 (Provine 2014, S. 41).

Gähnen als Schlafmittel

Für das Gehirn und jede Art von Kopf­ar­beit ist genü­gend und guter Schlaf uner­läss­lich. Gähnen kann helfen, weil es den Über­gang von Wach- zu Schlaf­zu­stand unter­stützt (siehe auch Gähnen und Lebens­rhyth­mus). Das Gähnen ist «Rezept­frei. Neben­wir­kungs­frei. Kosten­los! Immer verfüg­bar.» (Croos-Müller 2014, S. 17) Und wenn die Schafe Oscar, Emily, Willy und Marie mit ihren Schlaftricks nicht helfen können, dann viel­leicht Meer­schwein­chen Rodney:

P.S. Die ideale Betriebs­tem­pe­ra­tur des Gehirns liegt bei 37 Grad Celsius.

Umfrage

Von 543 Perso­nen erle­ben fast 60% beim Gähnen, was körper­lich abläuft, bewusst mit. Bei 48% (258 Perso­nen) trifft dies eher zu, bei 10% (n=52) sogar deut­lich. 18% (n=100) haben noch nie darüber nach­ge­dacht oder wissen es nicht. Nur 4% (n=20) geben an, dass sie gar nicht mitbe­kom­men, was körper­lich bei ihnen beim Gähnen abläuft. 20% (n=113) schät­zen, dass sie es eher nicht wahr­neh­men.

16. Ganz allgemein Wenn ich Gähnen geschehen lasse erlebe ich was dabei in meinem Körper abläuft n543

Die Umfrage zum Gähnen erreicht bald 600 Teil­neh­mende und läuft weiter – soll­ten Sie noch nicht teil­ge­nom­men haben, können Sie dies hier nach­ho­len oder den Link z.B. mit Ihrem Chef, Ihrer Schwie­ger­mut­ter oder Ihrem Nach­hil­fe­schü­ler teilen. Vielen Dank für Ihr Inter­esse und Ihre Aufmer­sam­keit!

Vorschau

Der nächste News­let­ter zum Gähnen erscheint am 28. Mai 2019 mit einer Fort­set­zung zum Thema «Gähnen und Kopf­ar­beit». Nicht verges­sen: «Wenn Sie Ihr Gehirn in einem opti­ma­len Gesund­heits­zu­stand halten wollen, ist es unbe­dingt erfor­der­lich, dass Sie gähnen.» (Newberg, 2010, S. 214)

Der «News­let­ter zum Gähnen» erscheint jeweils am 28. des Monats mit Themen rund ums Gähnen. Die geplan­ten Themen für 2019 sind inspi­riert von Andrew Newbergs Liste «12 wich­tige Gründe zu gähnen» in «Der Finger­ab­druck Gottes».

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