GÄHNEN
Eiche im Mai 2019

Gähnen und Hirnnerven (Kopfarbeit 2)

Wie kann Gähnen unsere Stim­mung beein­flus­sen? Was haben Hirn­ner­ven, Mimik und Atmung damit zu tun? Warum soll­ten Sie zu Ihrem eige­nen Wohl nicht die Stirn in Falten legen, wenn Sie dies lesen? Welche Hirn­ner­ven werden beim Gähnen beson­ders ange­spro­chen? Über 700 Perso­nen haben ihr persön­li­ches Erle­ben von Gähnen schon geteilt und mehr als die Hälfte der Teil­neh­men­den gibt an, Möglich­kei­ten zu kennen um selber ins Gähnen zu kommen.

News­let­ter vom 28. Mai 2019
von Susanne Wagner · Ausgabe Nr. 6 · 5 /​2019

Hirnnerven

Die Hirn­ner­ven leis­ten den Infor­ma­ti­ons­fluss zwischen Gehirn und Körper für Bewe­gung und Empfin­dung. Beim Gähnen sorgen die Dehnung der Gesichts­haut und der darun­ter­lie­gen­den mimi­schen Musku­la­tur, sowie Kiefer­öff­nung, Rachen­wei­tung und Kehl­kopf­ab­sen­kung dafür, dass einige der Hirn­ner­ven sensi­bel und moto­risch stark gefor­dert sind.

Hirnnerven Gesicht mit Zahlen
Die Zahlen auf der Abbil­dung dienen als Anhalts­punkt für den Bereich, mit dem der jewei­lige Hirn­nerv in Verbin­dung steht. Hervor­he­bung 5, 7, 9, 10 von S. Wagner. (Quelle: Sala­zar 2018)

Unsere zwölf Hirn­ner­ven gehö­ren zum peri­phe­ren Nerven­sys­tem. Dieses umfasst den Teil des Nerven­sys­tems, der sich ausser­halb des Gehirns und des Rücken­marks befin­det. Die zwölf Hirn­ner­ven treten paarig direkt aus der Schä­del­ba­sis aus und sind für den Infor­ma­ti­ons­fluss zwischen Gehirn und den verschie­de­nen Körper­tei­len, Sinnes­or­ga­nen, Muskeln und Orga­nen verant­wort­lich. (Huch 2015, S.55f)

Was passiert beim Gähnen? Einige der Hirn­ner­ven werden durch die Bewe­gung und Empfin­dung im Gähn­akt beson­ders gefor­dert: Der Kiefer wird gedehnt (V.), der Rachen gewei­tet (IX.), der Kehl­kopf senkt sich ab (X.), die Gesichts­mus­ku­la­tu­ren span­nen sich an (VII.) – dann löst sich alles wieder bzw. schwingt zurück in die Ausgangs­lage. Schauen wir uns die betei­lig­ten Hirn­ner­ven und ihre Aufga­ben in diesem verein­fach­ten Ablauf genauer an:

Der V. Hirnnerv – nervus trigeminus

Kiefermuskulaturen
Quelle: Pohl 2010, S. 205

Der fünfte Gehirn­nerv ist der «Dril­lings­nerv» mit seinen drei Hauptäs­ten: Augen­ast, Ober­kie­fe­rast und Unter­kie­fe­rast. Diese geben ihm seinen Namen und seine Funk­tio­nen sind gemischt. Er leitet Empfin­dun­gen und Sinnes­wahr­neh­mun­gen aus dem Gesichts­be­reich ans Gehirn und steu­ert die Kaumus­ku­la­tur von Ober- und Unter­kie­fer. (Sala­zar, 2018)

Der erste Ast, der Augen­höh­len­nerv versorgt die Augen­höh­len und die Stirn mit Empfin­dungs­fä­hig­keit. Der zweite Ast, der Ober­kie­fer­nerv, ist für die sensi­ble Versor­gung der Gesichts­haut unter­halb der Augen­höh­len zustän­dig, die Schleim­haut der Nase, die Ober­lippe und die Zähne des Ober­kie­fers. Der dritte Ast, der Unter­kie­fer­nerv, hat zwei Funk­tio­nen: Sensi­bel versorgt er Unter­lippe, Zahn­fleisch und Zähne, moto­risch ist er für alle Kau- und Mund­bo­den­mus­keln zustän­dig. (Huch, 2015, S. 156)

Cubasch (2016, S. 47f) beschreibt: Beim Gähnen spannt sich die Gesichts­haut erst an und löst sich dann wieder – dieses Span­nen und Lösen ergibt eine Regu­la­tion des Muskel­to­nus, die Gesichts­haut wird besser durch­blu­tet und es kann ein Wärme­ge­fühl entste­hen und die Gesichts­farbe wird rosi­ger.

Der VII. Hirnnerv – nervus facialis

Der siebte Gehirn­nerv, der «Gesichts­nerv», ist verant­wort­lich für die viel­fäl­tige mimi­sche Musku­la­tur. Die ca. 20 mimi­schen Muskeln bewe­gen keine Gelenke sondern die Haut. Damit regu­lie­ren sie Stel­lung und Weite der Öffnun­gen des Gesichts. Dies gibt dem Gesicht einen Ausdruck, mit welchem Gefühle und die seeli­sche Befind­lich­keit ange­zeigt werden. Der Gesichts­aus­druck, die «Mimik», spielt eine grund­le­gende Rolle in der nonver­ba­len Kommu­ni­ka­tion zwischen Menschen. Der Gesichts­nerv über­trägt ausser­dem die Geschmacks­wahr­neh­mung des vorde­ren Abschnitts der Zunge zum Gehirn. (Kenhub Online Atlas)

«Lachen mit den Augen»

Prof. Schnack (2016, S. 56) erklärt: «Lachen mit den Augen ist die wahre Botschaft des Herzens.» Der Gesichts­nerv steu­ert dies moto­risch über die seit­li­chen Schlä­fen­mus­keln um die Augen herum. Strah­lende Gesich­ter und sympa­thi­sche Lach­fal­ten haben wir diesem Hirn­nerv zu verdan­ken.

Lächelmuskel
Lächel­mus­kel (muscu­lus riso­rius) Quelle: Kenhub Online Atlas

Der ameri­ka­ni­sche Psycho­loge Paul Ekman entdeckte bei seiner Erfor­schung von Mimik einen Zusam­men­hang zwischen Gesichts­aus­druck und Befind­lich­keit. Das Nerven­sys­tem reagiert bei der Kontrak­tion spezi­fi­scher mimi­scher Muskeln mit einer emotio­na­len Antwort (facial feed­back). Pohl (2010, S. 188ff) vermu­tet, dass nicht direkt der ange­spannte Muskel, sondern die mitre­agie­rende Atem­mus­ku­la­tur dafür verant­wort­lich ist. Posi­tive Stim­mung erzeugt das Anspan­nen des Lächel­mus­kels, wie schon Ende 80er-Jahre bekannt wurde («Lächeln macht lustig»). Nega­tive Stim­mung hinge­gen ergibt sich beispiels­weise aus der Kontrak­tion des Augen­brau­en­runz­lers.

Augenbrauenrunzler
Augen­brau­en­runz­ler (Muscu­lus corru­ga­tor super­ci­lii). Quelle: Kenhub Online Atlas

Gemäss Cubasch (2016, S. 48) regt der Gesichts­nerv zudem die Tätig­keit der Tränen- und Spei­chel­drü­sen und zahl­rei­cher weite­rer Drüsen an. Das Gähnen hat also über den Gesichts­nerv zudem Einfluss auf die Sekre­tion von Flüs­sig­kei­ten in Mund, Augen und Nase. Vorgänge, die der Vita­li­tät der Sinnes­or­gane und der Immun­ab­wehr dienen.

Der IX. Hirnnerv – nervus glossopharyngeus

Der neunte Hirn­nerv ist der «Zungen-Rachen-Nerv». Dieser Nerv steu­ert die Bewe­gun­gen Rachen­mus­ku­la­tur und über­trägt Geschmacks­emp­fin­dun­gen des hinte­ren Zungen­ab­schnitts ans Gehirn. Die Infor­ma­tio­nen aus dem hinte­ren Zungen­ab­schnitt sind wich­tig für den Schluck­akt. Der Zungen-Rachen-Nerv regu­liert zudem die Ohrspei­chel­drüse mit para­sym­pa­thi­schen Fasern. Sensi­ble Fasern versor­gen die Rachen­schleim­haut und das Trom­mel­fell. (Huch 2015, S. 156 f) Die Zunge ist unser beweg­lichs­ter Muskel und mit der Rachen­mus­ku­la­tur ist sie an allen Arti­ku­la­ti­ons­vor­gän­gen wie Spre­chen oder Singen betei­ligt: «Beim Gähnen wird die Stimme physio­lo­gisch opti­mal einge­setzt.» (Cubasch 2016, S. 49) Mehr dazu im Inter­view mit Stimm­ex­per­tin Brigitte Ulbrich.

Der X. Hirnnerv – nervus vagus

Der zehnte Hirn­nerv ist der Haupt­nerv des para­sym­pa­thi­schen Nerven­sys­tems, der Grosse Ruhe-Nerv. Der Sympa­thi­kus akti­viert uns, der Para­sym­pa­thi­kus lässt uns ruhig werden.

Sympathikus und Parasympathikus
Die gegen­sätz­li­chen Funk­tio­nen von Sympa­thi­kus und Para­sym­pa­thi­kus. Quelle: Huch 2015, S. 169

Prof. G. Schnack (2016, S. 171) sieht den Nervus Vagus als Initia­tor zur indi­vi­du­el­len und schnel­len Tiefen­ent­span­nung: «... jeder Mensch [verfügt] über die Bega­bung, durch Selbst­or­ga­ni­sa­tion im Stress­all­tag die Domi­nanz der Glücks­hor­mone gegen die angst­aus­lö­sen­den Stress­hor­mone durch­zu­set­zen.» Dies gelingt, weil der Nervus Vagus der Haupt­ak­teur des vege­ta­ti­ven Nerven­sys­tems und an der Versor­gung fast aller inne­ren Organe betei­ligt ist. Der Vagus regu­liert zu Teilen das auto­nome Nerven­sys­tem, hat damit auch einen Einfluss auf unser Stress­le­vel und steht so in direk­ter Verbin­dung mit dem sympa­thi­schen Nerven­sys­tem. (Kenhub Online Atlas) Siehe auch: Gähnen und Entspan­nung.

Der Nervus Vagus ist eben­falls an der moto­ri­schen Steue­rung der Spei­se­röhre, des Rachens und des Kehl­kopfs betei­ligt. Das zuge­las­sene Gähnen hat stets einen Einfluss auf das para­sym­pa­thi­sche Nerven­sys­tem: Es bewegt nicht nur Rachen und Kehl­kopf, sondern das Schwin­gen des Zwerch­fells (der Zwerch­fell­tief­stand) regt auch in Brust- und Bauch­raum Bewe­gung und Dehnung an. So dient das Gähnen nicht nur Anre­gung des Atem­vor­gangs an sich, sondern auch die Verdau­ung, das Herz-Kreis­lauf­sys­tem und die inne­ren Organe profi­tie­ren direkt und indi­rekt davon. (Cubasch 2016, S. 49) Bewe­gungs­im­pulse aus der Gesichts-Hals­re­gion können von gewis­sen Hirn­ner­ven mit Tiefen­ent­span­nung kombi­niert werden. Der Grosse Ruhe-Nerv leitet diese dann an Herz, Lunge, Bauch­raum und Musku­la­tur weiter. (Schnack 2016, S. 55)

Tipp

Es gibt Muskeln im Gesicht, deren Anspan­nung eine schlechte Stim­mung verur­sacht oder verstärkt. Es gibt jedoch auch einen Muskel, den wir zur Stim­mungs­auf­hel­lung benut­zen können: Den Lächel­mus­kel! Das Trai­nings­ge­rät dazu ist ein einfa­cher Blei­stift und die Trai­nings­dauer beträgt bloss eine Minute. Legen Sie los!

Helga Pohl (2010, S. 191) beob­ach­tete, dass bei der Anspan­nung von Muskeln, die einen nega­ti­ven Gesichts­au­druck herstel­len, die Anspan­nung hemmend auf die Atmung wirkt. Herab­ge­zo­gene Mund­win­kel, aufein­an­der­ge­presste Lippen, gerümpfte Nase und zusam­men­ge­knif­fene Augen hemmen die Voll­at­mung und machen uns so durch die Blockie­rung der Atem­be­we­gung schlechte Stim­mung.

Lächeln Sie!

Klem­men Sie sich für eine Minute einen Blei­stift hori­zon­tal zwischen die Zähne! (nicht zwischen die Lippen, das ist wich­tig) und erle­ben Sie die Wirkung! Wie verän­dert sich Ihre Atmung dabei? Geht es leicht und von selbst, den Atem ganz in den Bauch flies­sen zu lassen? Das nächste Mal, wenn sich eine Denker­falte auf Ihrer Stirn breit machen will – denken Sie daran: Bitte lächeln! Probie­ren Sie es aus! Oder gähnen – wirkt auch, wie Sie jetzt wissen. Viel Erfolg beim Umstim­men und wenn Sie Ihr Erle­ben teilen mögen, verfas­sen Sie einen Kommen­tar (Formu­lar unten an der Seite).

Umfrage zum Gähnen

 28. Ich kenne aus Erfahrung verschiedene Möglichkeiten um Gähnen bei mir anzuregen (n=716)

Über 700 gültige Frage­bo­gen sind nun im Daten­pool und die Umfrage geht in den Endspurt – bis am 30. Juni 2019 können Sie noch teil­neh­men.

Haben die Teil­neh­men­den Erfah­rung damit, Gähnen bei sich selbst anzu­re­gen? 62% (n=441) der Teil­neh­men­den antwor­ten beja­hend. 93 Perso­nen (13%) wissen nicht, ob sie Möglich­kei­ten kennen um sich selbst zum Gähnen zu brin­gen oder haben noch nie darüber nach­ge­dacht. 25% der Teil­neh­men­den (n=182) geben an, dass sie keine Erfah­rung damit haben, sich selbst zum Gähnen zu brin­gen.

Vorschau

Der nächste News­let­ter zum Gähnen erscheint am 28. Juni 2019 zum Thema «Gähnen gegen Stress». Nicht verges­sen: «Wenn Sie Ihr Gehirn in einem opti­ma­len Gesund­heits­zu­stand halten wollen, ist es unbe­dingt erfor­der­lich, dass Sie gähnen.» (Newberg, 2010, S. 214)

Der «News­let­ter zum Gähnen» erscheint jeweils am 28. des Monats mit Themen rund ums Gähnen. Die geplan­ten Themen für 2019 sind inspi­riert von Andrew Newbergs Liste «12 wich­tige Gründe zu gähnen» in «Der Finger­ab­druck Gottes».

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