GÄHNEN

Gähnen und Empathie

Der Anste­ckung begeg­nen wir im Alltag stän­dig: Lachen und Lä­cheln, aber auch Weinen, Hus­ten und Gähnen können «anste­ckend» sein. Bei diesen Reak­tionen auf das Verhal­ten ande­rer Men­schen be­wegen wir uns im «zwischen­mensch­li­chen Resonanz­raum». Da sind wir stän­dig im Kontakt und kom­munizieren mit unbe­wusstem Spie­geln mit unse­ren Mit­menschen.

News­let­ter vom 28. Dezem­ber 2018
von Susanne Wagner · Nr. 1 ·  12 /​2018

Wie geht das? Reso­nanz- und Spie­gel­phä­no­mene, wie sie auch beim anste­ckenden Gähnen wir­ken, können mit den «Spie­gelnervenzellen» oder «Spiegel­neuronen» erklärt werden. Diese wurden in den 1990ern von Giacomo Rizzo­latti ent­deckt. Joachim Bauer be­schreibt in seinem Buch «Warum ich fühle, was du fühlst», wie diese Zellen im Gehirn zu feu­ern begin­nen, sobald wir eine bestimmte Akti­vi­tät ausfüh­ren. Nicht nur, wenn wir etwas selber tun, sondern auch, wenn wir je­manden bei einer Hand­lung beob­achten. Auch Hören von charak­te­ris­ti­schen Geräu­schen zu einer bestimm­ten Akti­vi­tät bringt die Spie­gel­neu­ro­nen zum Feuern. Ja es genügt schon, eine Hand­lung in der eige­nen Vorstel­lung zu erle­ben!

Am besten funk­tio­niert das mit dem, was wir aus Erfah­rung schon kennen. Und so er­möglichen uns die Spie­gel­neu­ro­nen ein intui­ti­ves Verste­hen (Theo­ry of Mind) des Verhal­tens unse­rer Mitmen­schen. Denn wir sind Wesen, die über ein so weit entwi­ckel­tes Gehirn verfü­gen, dass das Bewusst­sein über sich (self-awareness) und ein Bewusst­sein über die an­deren möglich ist (other-awareness).

Empathie und Gähnen

Die Fähig­keit zur Empa­thie ist eine komplexe Ange­le­gen­heit im zwischen­mensch­li­chen Resonanz­raum. Empa­thie wird auch Mitge­fühl genannt und umfasst die Fähig­keit einer Per­son, die Befind­lich­keit einer ande­ren Person wahr­zu­neh­men, zu tei­len und auch davon beein­flusst zu werden. In Studien zur Anste­ckungsanfälligkeit durch die Wahr­nehmung von Gähnen bei ande­ren wurde fest­ge­stellt, dass Perso­nen mit höhe­rer Empa­thiefä­hig­keit sich auch leich­ter mit Gähnen an­stecken lassen.

Es gibt auch (vor allem neuere) Studien, die jedoch genau diesen Befund wider­legen oder abschwä­chen, weil sie die Methode und/​oder die Resul­tate der Em­pa­thie-Studien in Frage stel­len. Jeman­dem beim Gähnen zuzu­schauen hat aber zwei­fel­los eine hohe Ansteckungs­kraft. Etwa 6075% al­ler gesun­den Menschen gähnen einem Vorgäh­ner nach (Walu­sin­ski, 2018).

Olivier Walu­sinksi ist ein fran­zö­si­scher Arzt und einer der aktivs­ten Gähn­for­scher der letz­ten Jahr­zehnte. Auf seiner Seite zum Gähnen Le bâil­lement – Yawning stellt er eine Umfrage bereit, die bis dato schon von 7892 Perso­nen ausge­füllt wurde: 5833 Perso­nen sagen, dass sie bei ande­ren Gähnen auslö­sen und 5250 Perso­nen werden vom Gähnen ande­rer leicht ange­steckt. Auch wenn sich die Forscher bisher über die verschie­de­nen Gründe, warum wir durch Anste­ckung gähnen nicht ganz ei­nig sind – erhöhte Wahr­neh­mung des zwischen­mensch­li­chen Reso­nanz­raums ist eine mögli­che Erklä­rung dafür. Dazu gehört auch die Empa­thie.

Gähnen verbindet

Werner Bartens erklärt in «Empa­thie. Die Macht des Mitge­fühls» wie Gähnen verbin­det und Freund­schaft stär­ken kann. Je enger die emotio­nale Bindung, je näher der Vorgäh­ner einem steht, desto eher gähnt man mit. Probie­ren Sie es aus! Lassen sich die unbe­kann­ten Perso­nen im Zugab­teil von Ihnen anste­cken? Gähnen die Familien­mitglieder oder Freun­din­nen be­reitwilliger mit als die Unbe­kann­ten, wenn Sie den Auf­takt dazu geben? Und nach einem hemmungs­lo­sen, genüss­li­chen Gähnen fühlen Sie sich selbst viel­leicht auch ein Stück weit mehr verbun­den?

Damit ist auch die Forschung einver­stan­den: Gähnen ist umso anste­cken­der, wenn es an einem gleich­ar­ti­gen Wesen, zu dem man eine enge Bindung hat, beob­ach­tet wird. Ob sich Frauen leich­ter anste­cken lassen, ist noch nicht bewie­sen. Anfäl­lig für anste­cken­des Gähnen sind jedoch Perso­nen, die sich sozia­len Normen bereit­wil­lig fügen und sich leicht von Werbe­bot­schaf­ten blen­den lassen. Auch Menschen, die zu Mitge­fühl und einem diffe­ren­zier­ten Bewuss­stein über sich selber fähig sind sollen sich leich­ter anste­cken lassen – das ist der Grund, warum das anste­ckende Gähnen mit Empa­thiefä­hig­keit in Verbin­dung gebracht wird. (Walu­sinksi, 2018).

Vorschau

Der nächste News­let­ter zum Gäh­nen er­scheint am 28. Januar 2019

Der «News­let­ter zum Gähnen» erscheint je­weils am 28. des Monats mit Themen rund ums Gähnen. Die geplan­ten Themen für 2019 sind inspi­riert von Andrew New­bergs Liste «12 wich­tige Gründe zu gäh­nen» in «Der Finger­ab­druck Gottes».










Ich möchte den News­let­ter zum Gähnen nicht mehr erhal­ten.

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