GÄHNEN

«Das verlorene Gähnen» von Franz Hohler

Wann kann einem das Gähnen abhan­den kommen? Welches Buch sollte man keines­falls lesen, wenn man nicht gähn­im­po­tent werden will? Wie fühlt es sich an, nach 40 Jahren Gähn­im­po­tenz wieder zu gähnen?

Fall in die Gähnimpotenz

Ein junger Bursche liest Cice­ros «Über das Alter», will dabei beiläu­fig herz­haft gähnen ...

«... und stellte fest, dass er nicht mehr gähnen konnte. Wohl riß er seine beiden Kiefer ausein­an­der, dass es knackte, wohl sog er durch das ganze Oval seines geöff­ne­ten Schlun­des Luft ein, allein sie senkte sich nicht auswei­tend in seinen schmäch­ti­gen Brust­korb, sondern wurde schon im oberen Teil der Luft­röhre entschie­den zurück­ge­wie­sen, ja womög­lich nicht einmal in densel­ben einge­las­sen.»

Das verlo­rene Gähnen können ihm weder seine Eltern mit dem Heilungs­ver­such des Vorgäh­nens noch die Ärzte mit ihren beschwich­ti­gen­den psych­ia­tri­schen Ratschlä­gen zurück­ge­ben. So beschliesst Piet-Fritz Aler­tis, sich damit nicht abzu­fin­den, sondern selbst Arzt zu werden und seinem Gähn­pro­blem auf den Grund zu gehen. Für die Mensch­heit entpuppt sich dies als Segen, ihm selber nützt es nichts. Weder das Dich­ten über das Gähnen, natur­wis­sen­schaft­li­che Studien, ethno­lo­gi­sche und sprach­wis­sen­schaft­li­che Forschun­gen, 84 000 Yoga-Posi­tio­nen – nichts bringt ihm das Gähnen zurück.

Aus: Hohler (1970, S. 5865)

Erlösung aus der Gähnimpotenz

Nach vier­zig Jahren merkt unser Gähn­ver­lus­ti­ger plötz­lich, dass er sich nie darum geküm­mert hat, in welchem Moment ihm das Gähnen abhan­den gekom­men war. Im Estrich besorgt er sich sein zerknit­ter­tes Exem­plar von Sene­cas «Über das Alter» und beginnt erneut zu lesen. Er liest, bis ihn die Lange­weile über­kommt:

«... geschah es, daß sich seine Kiefer sanft, aber unwi­der­steh­lich ausein­an­der­scho­ben und, während sich der Adams­ap­fel bis tief unter die Gurgel verkroch, soviel Luft in die Lungen einströ­men ließen, als müßten alle versäum­ten Gähner und Gähner­chen in einem einzi­gen Mal nach­ge­holt werden. Mit einer ihn bis ins Mark durch­schau­ern­den Wollust gab sich der ergraute, hart geprüft Prof. Dr. Piet-Fritz Aler­tis dem lange entbehr­ten Gefühl hin, und Tränen der Freude glänz­ten in seinen Augen, als er auf dem sekun­den­lan­gen Gipfel­punkt des Vorgangs diesen runden Druck im hinte­ren Gaumen hatte, ... dieses süße Ziehen, das sich in bese­li­gen­dem Crescendo über die Rippen bis auf die Bauch­mus­ku­la­tur und Flan­ken fort­setzt und das sich schließ­lich im Ausströ­men der Luft auflöst, welches er mit einem wohl­be­häg­li­chen Grunz­laut gesche­hen ließ[.]»

Die Empfin­dung des Gähn­ak­tes ist so «glusch­tig» beschrie­ben, dass ich sofort gähnen musste (auch wenn das letzte herz­hafte Gähnen nicht 40 Jahre sondern eher vier Minu­ten her ist).

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